Die Ware Achtsamkeit

Bild von Michael Gaida (www.pixabay.com)

Achtsamkeit ist in aller Munde. Es gibt Bücher, Filme, Seminare und Zeitschriften zum Thema Achtsamkeit und das ist erst die Spitze des Produkteeisberges. Wir sind darauf konditioniert, und da nehme ich mich auf keinen Fall aus (ganz im Gegenteil – sonst gäbe es diesen Blogbeitrag nicht), dass wir eine Fähigkeit erwerben können indem wir kaufen.

Es ist aber auch so, dass Neues unser Gehirn anregt und die Neuroplastizität fördert (Quelle: hier)

Vielleicht gelingt es uns dieses Neue in jedem neuen Moment zu finden…

 

Davon bin ich weit entfernt; es sollte auch nicht als Patent(d)lösung dienen, inspiriert mich jedoch sehr:

Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liegt in der Entsagung.

Man soll weder annehmen noch besitzen, was man nicht wirklich zum Leben braucht.

(Mahatma Gandhi)

Eine bessere Version

Zur Zeit springt mich ein „Vorsatz“ immer wieder an:

werde eine bessere Version deiner selbst

Ich verstehe, dass man an sich arbeiten sollte und durch Übung immer besser wird, ABER ist es nicht sehr viel sinnvoller zuerst einmal anzunehmen was da ist? Herauszufinden wer man ist, mit allen Gefühlen und Empfindungen. Und das Ganze nicht im Schnellverfahren, sondern mit genügend Raum und Zeit. Ansonsten wird auf etwas Unangenommenes etwas scheinbar Besseres draufgepackt.

Ich gebe zu, dass ich nicht objektiv an das Ganze ran gehen kann. Ich versuche schon seit meiner Kindheit „besser“ zu sein, mit dem Ziel Liebe und Anerkennung zu bekommen. Hat aber nicht oder nur teilweise funktioniert. Wahrscheinlich habe ich auch deswegen einen Knödel im Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Überhaupt wer bestimmt denn was besser ist, wann jemand besser geworden ist und vielleicht sagt ein anderer: ich finde das aber ganz und gar nicht besser, sondern eher im Gegenteil. Steckt darin nicht auch der Versuch noch schneller, leistungsfähiger, glücklicher, erfolgreicher zu werden? Und was ist mit denen, die scheinbar nicht besser werden (können), obwohl sie es immer und immer wieder versuchen. Ist das nicht ein enormer Druck der da entsteht? Außerdem stehen bei diesem Besserwerden Glück, Freude, und Erfolg im Vordergrund. Trauer, Wut und Leid haben keinen Platz. Alle lachen, sind fröhlich und rund um die Uhr mit sich im Reinen. Da bin ich kurzfristig sofort aufgesprungen auf den Zug, den genau danach habe ich mich immer gesehnt.

Des Weisheits letzter Schluss – der Versuch besser zu werden, hat mich zeitweise auch ein Stückchen glücklicher sein lassen, aber was meine Seele wirklich nährt und braucht ist eines und das heißt Annahme. Es ist manchmal kein leichter Weg, aber es ist ein schöner, besonderer Weg. Und da wird nicht nur gelacht, da wird auch viel geweint und betrauert und da ist man auch mal wütend und verzweifelt – aber man ist. Das ist das Leben, lebendig und laut und bunt, heiß und kalt und schön und grausam und einfach ALLES. Und da sich dieses ALLES ständig ändert und im Fluss ist, kann man vielleicht irgendwann lernen am Ufer zu sitzen und zuzusehen.

Der optimierte Mensch

Wachstum ist in allen Bereichen, ständig und immer präsent. Wie schaffen wir es uns, unser Umfeld, die Art wie wir leben, die Dinge die wir (be)nutzen zu optimieren? Einerseits gibt es die Rückkehr zum Minimalismus, der Mensch ist gesättigt, übersättigt und erschlagen von den abertausenden Konsumangeboten und Versprechungen, ABER gleichzeitig hat sich ein neues Tor geöffnet. Das Gelöbnis von einem imaginären Land in dem Milch und Honig fließen, wenn man sich selbst und seine Lebensweise verbessert und im besten Falle zur Vervollkommnung bringt. Vor einigen Tagen habe ich einen interessanten Post gelesen. In einem Kommentar schreibt die Verfasserin:

„Und im Grunde genommen ist das ja auch nichts anderes als übermäßiges Konsumieren.“

Absolut. Am Beispiel Persönlichkeitsentwicklung: Ich finde in diesem Bereich Wachstum wichtig und gut, sehr gut sogar! Manchen Dingen stehe ich jedoch sehr kritisch gegenüber.

Ich investiere in mich, in meine Person, in meine Entwicklung…

Okay, aber ist es wirklich notwendig ein oder mehrere Seminare um hunderte von Euros zu besuchen? Und wenn ich teilnehme, konsumiere ich dadurch auch wieder in anderen Bereichen.

Es geht finanziell noch besser

Ein Sache, die in dem Zusammenhang öfters zur Sprache kommt und mir etwas suspekt ist, ist die Annahme, dass man mit x Euros im Monat glücklich sein, aber das man locker auch xxx Euros am Tag verdienen kann. Alles eine Frage der Einstellung und Optimierung.

Die Kraft der Anziehung – du bekommst was du verdienst

Ich verstehe, dass wie man in den Wald hineinschreit, es auch herausschallt. Aber was ist mit dem Schicksal? Was ist mit den unverständlichen Dingen die passieren? Ist eine Mutter etwa „schuld“, dass ihr Kind behindert oder krank zur Welt gekommen ist? (Anmerkung: ich sehe ein krankes oder behindertes Kind keinesfalls als Bestrafung!) Ist ein Mensch „verantwortlich“, wenn er bei einem Verkehrsunfall ohne ihn selbst verursacht zu haben, jemanden schwer verletzt? Hat ein Mädchen, das vergewaltigt wurde, dieses Geschehen angezogen? Und jetzt erzähle diesen Menschen von der Kraft der Anziehung – ich denke das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich finde in dem Zusammenhang den Zugang besser, dass der Mensch lernt einen Sinn in all den schlimmen Dingen zu sehen, indem er anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben, oder denen es genauso geht helfen kann. Außerdem glaube ich, dass wir einfach nicht auf alle Fragen des Lebens eine Antwort haben.

Ändere dein Umfeld

Um wachsen zu können, ist es unumgänglich sein Umfeld zu ändern. Zum Teil mag das stimmen. Klar ist es nicht schön, wenn man von Schwarzmalern und Nörglern umgeben ist, aber auch Menschen, die im Grunde ihres Kerns positiv und weltoffen sind, sind manchmal Grantelbärte und haben hin und wieder einen schlechten Tag. Vielleicht ist mein Partner manchmal ein Griesgram, aber im Grunde ein herzensguter Mensch. Tausche ich ihn deswegen gegen eine scheinbar „optimalere“ Version aus? Werden die Leute nicht auch deswegen immer einsamer, weil sie Erwartungen haben, die kein Mensch mehr oder nur schwer erfüllen kann?

Lebe deinen Traum 

Dein Traum ist es als Musiker groß rauszukommen? Wenn dir das nötige Talent fehlt, wird das eventuell schwierig. Warum denken wir jedem stehen alle Möglichkeiten offen? Der liebe Gott, das Universum, Allah oder wer auch immer verteilt die Gaben nicht gleichmäßig. Du kannst zeichnen, er kann singen, sie sieht wahnsinnig gut aus – der eine kriegt von allem sehr viel – der andere wenig. Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass man seine Gaben erkennt und annimmt.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich Zeit meines Lebens auf der Suche nach Liebe, Anerkennung und Glück war. Weil diese Suche auch ein gewisses Suchtpotential beinhaltet. Menschen wie ich werden von genau solchen Dingen angezogen, lassen sich ganz hineinfallen und konsumieren im Übermaß und suchen wenn es nicht funktioniert die Schuld bei sich und auch bei anderen. Machen noch mehr, versuchen es noch intensiver.

Persönlichkeitsentwicklung ist toll, aber zu hinterfragen.

Negative Glaubenssätze

Am Wochende habe ich folgenden Podcast von Laura Seiler angehört: wie du blockierende Glaubenssätze auflösen kannst und mir ist erstmals richtig bewusst geworden, dass folgende Glaubenssätze mein Leben bestimmt haben bzw. zum Teil noch immer bestimmen:

  • Ich habe es nicht verdient glücklich zu sein
  • Ich bin kompliziert
  • So wie ich bin, bin ich nicht gut (genug)
  • Ich muss mich ändern um gemocht zu werden

Um diese Glaubenssätze zu bestätigen, habe ich so einiges unternommen. Dabei habe ich meine Grenzen im postiven wie im negativen Sinn überschritten. Ich entwickelte Strategien gegen die Empfindungen, welche diese Glaubensätze auslösten. Diese reichten über Tendenzen zur Betäubung und Selbstzerstörung bis hin zu etlichen Unternehmungen zur Selbsthilfe. Letzere entpuppten sich mitunter als Kartenhaus. Sobald der Wind des Lebens rauer wehte, fiel es in sich zusammen. Ich hatte oft das Empfinden, dass ich an einem Tiefpunkt angekommen war und obendrein ein schlechtes Gewissen, weil es anderen ja noch schlechter ging oder unzählige Menschen noch viel traumatischere Dinge erlebt hatten. Außerdem hatte ich das Gefühl viel zu viel falsch gemacht zu haben und ich fühlte mich anderen gegenüber ständig schuldig.

Heute weiß ich, meine größte Angst, die ich bereits als Kind entwickelt habe, ist es nicht dazuzugehören, anders und dadurch ausgegrenzt zu sein und das ist vom Standpunkt der Evolution gesehen tatsächlich lebensbedrohend. Das ist mein größter Triggerpunkt und wenn ich in einer Situation bin, die diesen Punkt bedient, kann ich vom Verstand her wissen, dass ich in Sicherheit bin, mein Gefühl sagt mir etwas anderes und dementsprechend geht es mir dann auch. Ich kann es schwer aushalten, wenn ich vermute, spüre oder tatsächlich weiß, dass mich jemand nicht mag, oder das was ich mache nicht gut findet. Auch Streit, besonders in meinem näheren Umfeld empfinde ich als sehr belastend. Dann zerbreche ich mir den Kopf wie ich den Zwist so schnell wie möglich auflösen kann, auch wenn mich die Situation selten direkt betrifft. Ich sorge nämlich wohlwissend vor, indem ich versuche es möglichst vielen recht zu machen.

Auch jetzt habe ich ein ganz mulmiges Gefühl weil mein innerer Kritiker ständig raunzt: „Was machst du dich so wichtig!? Du glaubst wohl du bist etwas Besonderes! Anderen geht es noch viel schlimmer. Selbst Schuld, dass es dir oft schlecht ging, hättest halt besser aufpassen sollen. Okay, als Kind hast du vieles bestimmt nicht in dieser Form verdient, aber spätestens mit zwanzig hättes du den Dreh längst raushaben sollen…..“

Wenn dieser Punkt berührt wird, und sei es auch nur durch das Schreiben darüber, löst das in mir eine Welle an negativen Gefühlen aus. Der Kompass zeigt hier eindeutig in Richtung Überlebensinstinkt.

Ich mache aber zur Zeit die Erfahrung, dass das Bewusstsein darüber  (und da ist die Achtsamkeit tatsächlich mein größter Verbündeter) der erste Schritt zur Heilung ist.

Meine Werkzeuge um negative Glaubenssätze aufzulösen sind:

Achtsamkeit (besonders durch Yoga und Meditation), positive Affirmationen, Dankbarkeit und Vergebung. (Hier findest du eine wunderschöne Vergebungsmeditation: (Meditation: Vergeben und loslassen)

Möge es mir und allen Menschen gelingen negative Glaubenssätze, die wie tonnenschwere Säcke voll Zement sind und am Fliegen hindern, aufzulösen!

Grenzen setzen

Grenzen setzen klingt erstmal irgendwo hart und erinnert an Ausgrenzung, Abgrenzung und Begrenzung. Bilder von Mauern, Zäunen und Stacheldraht kommen hoch. Grenzen werden mit Gefängnis, Beschränktheit und Unfreisein assoziiert.

Wie steht es aber im Gegensatz dazu mit der Eigenschaft Grenzen zu setzen um die eigene Integrität zu wahren. Dieses äußerst unangenehme und auch bedrohliche Gefühl wenn die eigenen Grenzen überschritten werden. Grenzen stehen auch für Sicherheit und Stabilität im guten Sinne.

Dem gehe ich gerade auf den Grund.

Zum Weiterlesen: Grenzen setzen

 

Kritik

Ein Punkt an dem ich wachsen will:

Wenn Du jemandem die Meinung über ihn sagen willst, solltest Du sie ihm anbieten, wie einen Mantel, in den er hineinschlüpfen kann, und nicht wie einen nassen Fetzen ins Gesicht schleudern (nach Max Frisch)

Interessanter Blogartikel (besonders auch die Kommentare) dazu: richtig kritisieren

Was ich auch noch total wichtig finde, ist offen zu sein – ohne Filter