Wenn ich nicht fühlen kann…

Jetzt kommt ein wahrscheinlich wirrer Beitrag, weil ich meine Gedanken ordnen und mir etwas von der Seele schreiben will. Schreiben als Therapie – geistige Kläranlage.

Ich bin zornig, wütend und traurig, aber so richtig und ich kann diese Gefühle nicht annehmen, weil ich das Gefühl habe, wenn ich sie annehme explodiere und implodiere ich gleichermaßen.

Meine mittlere Tochter ist sechs Jahre alt und besucht die Vorschulklasse. Sie trödelt beim Heimgehen, wie das mal so ist, manchmal ein bisschen rum. Wir wohnen fünf Gehminuten von der Schule entfernt. Heute ist sie eine Stunde nicht heimgekommen und die erste halbe Stunde dachte ich sie kommt bestimmt gleich. Dann waren die Kleinen schon so hungrig und ich konnte mit dem Essen nicht mehr warten, aber jetzt konnte ich auch nicht raus sie zu suchen, sonst hätten die Kleinen richtig Radau gemacht. Im Nachhinein weiß ich, dass ich mich machtlos fühlte und es gibt kein schlimmeres Gefühl für mich. Meine Nachbarin war so lieb und hat Sophie gesucht und zum Glück gefunden. Sie war mit einer Freundin mitgegangen. Das war nicht das erste Mal, obwohl wir eigentlich alles besprochen hatten und es damals eine logische Konsequenz gab.

Trauer, Verzweiflung und Wut – Gefühle, die sich vor allem aus Machtlosigkeit speisen: diese Empfindungen kann ich in dem Moment nicht annehmen, weil sie mich sonst überrollen würden. Ich habe das Gefühl wenn ich das jetzt annehme sterbe ich. Und mein Herz wird kalt, hart, versteinert.

Sie ist in eine Pfütze gestoßen worden und ich konnte sie nicht gleich trösten. Sophie hat geweint und die Kleinste hat geschrien und ich hätte mich am Liebsten in mir selbst verschlossen. Alle diese Gefühle, alles Empfinden, alles Hören, alles Spüren tat mir weh – körperlich und seelisch.

Mittlerweile habe ich geschafft sie zu trösten, aber mit einem semiversteinerten Herzen.

18 Gedanken zu „Wenn ich nicht fühlen kann…

  1. Judith

    Ich kenne auch Momente, in denen ich meine Gefühle nicht fühlen will und mal erst beiseite schieben muss, bevor ich sie anschauen kann. Mir hilft es dann, mich selbst zu fragen: Wovor hab ich eigentlich gerade Angst? Was passiert, wenn ich mich öffne für meine Gefühle? Ich kann sie ja einfach nur ansehen ohne irgendwie danach handeln zu müssen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Unglaublich leicht

      Danke für deine lieben Worte! Leider gelingt mir das Ansehen in solchen Momenten nicht. Es ist als würde alle Dämme brechen wenn ich nur ein bisschen hinsehe. Was folgt wäre eine Flutwelle aus Wut, Trauer und Verzweiflung. Versteinerung ist die Notbremse und dann sind die Gefühle „weg“ bzw. sie manifestieren sich im Körper (Kopf- und Magenschmerzen)

      Gefällt 1 Person

      1. Benita Wiese (Pseudonym)

        Es klingt, als würdest du deine Gefühle abspalten (dissoziieren). Da kommt eine gefühlstaube Melli, die es schafft zu funktionieren, aber nicht zu fühlen. Diese Wut, Trauer, Verzweiflung bzw. deine Ohnmacht und Überforderung hat an eine schwierige Situation angedockt (getriggert), in der du einmal warst. Ich denke, dass du über das heutige Erlebnis wohl an die ursprüngliche Erfahrung kommen kannst. Versuche hinzufühlen und dir bewusst zu machen, dass du nicht mehr das kleine Mädchen bist heute. …. Kannst du mit meinen Gedanken etwas anfangen? Ist da etwas für dich dabei. … Und mach dir bitte keine Vorwürfe, dass etwas nicht so lief, wie du gerne wolltest. Deine Tochter hat sich auch nicht an eine Vereinbarung gehalten. Du bist glücklicherweise kein Roboter, dass du sofort wieder mit offenem Herzen bei ihr sein kannst. Vielleicht ist diese emotionale Konsequenz für sie verständlicher, als alle Erklärung. Ich denke, es geht auch später zu erklären, dass du außer dir warst vor Sorge. Mit dem Erleben deiner Härte, kann sie verstehen lernen! Auch wenn deine Tochter keine Schuld trifft, du kannst deine Gefühle ja nicht abdrehen, auch wenn sie im Untergrund lodern. …. Viele Worte und ich hoffe, es ist etwas hilfreiches dabei.
        Alles Liebe und Gute. ❤ Kopf hoch! "Benita"

        Gefällt 3 Personen

      2. Unglaublich leicht

        Ich danke dir für deine Worte!! ❤️ Es gibt Erlebnisse aus meiner Kindheit, die kenne ich aus Erzählungen, kann mich aber nicht an sie erinnern und somit auch nicht fühlen – aus Selbstschutz. Vielleicht gibt es auch noch einiges Ungesagtes…

        Ich denke auch, dass dann genau solche Punkte getroffen werden und dass dann eine unbändige Wut in mir entfacht wird. Wie du es richtig beschreibt, die muss in dem Moment weg, sonst habe ich das Gefühl ich breche zusammen. Vielleicht kann ich mich ihr immer weiter ein Stückchen nähern und wenn ich weiß, dass es dieses Tier in mir gibt, ist es für mich schon um einiges leichter.

        Vielen tausend Dank auch für die Worte zu dem Umgang mit meiner Tochter! 🙏❤🌟 Das baut mich sehr auf, wo ich doch immer alles richtig machen – perfekt sein will. Zum Glück gelingt es mir immer öfter mich danach nicht zu verurteilen und tausende Male im Gedanken zu bestrafen.

        Ich wünsche dir nochmals einen wunderschönen Tag!! ☀❤🙂

        Gefällt 1 Person

  2. Luise Kakadu

    Ich kann mich Benita gleich in 2 Punkten anschließen:
    Zum einen hat auch mir der Reader diesen Beitrag bisher noch überhaupt nicht angezeigt.

    Zum anderen kamen mir beim Lesen deines Erlebnisses exakt die selben Gedanken und Gefühle, wie Benita – wie ich dann, als ich zum Kommentarfeld runter scrollte, lesen konnte.

    Ich kenne diese Gefühle nur zu gut.
    Wie oft konnte ich meiner Tochter nicht jene Mama sein, die ich gern gewesen wäre.
    Da machen einen gleich 2 Dinge zugleich völlig fertig:

    Dass man selbst nicht kann, wie man gerne würde
    Und
    Dass das eigene Kind dich erinnert und triggert an dich selbst.

    Ich hatte mir inständig einen Sohn gewünscht, weil ich fürchtete, was passierte.
    Eine Tochter steht immer irgendwie für einen selbst.
    Man sieht und erkennt darin das eigene Ich – und das tut unsagbar weh.

    Ich wünsche dir viel Liebe im Herzen – zu dir selbst und deiner Tochter.
    Eine Tochter schenkt dir das Werkzeug zu heilen, wenn Du dich wagst, den Weg zu gehen, den sie dir leuchten hilft.

    Ich habe mir irgendwann verzeihen können – weil ich sicher weiß, dass ich zu jedes Zeit das mir BESTMÖGLICHE getan hatte.
    Und jenes, das nicht möglich war, auch nicht getan werden konnte.
    Fühl dich umarmt, wenn Du magst ❤

    Gefällt 2 Personen

      1. Luise Kakadu

        Hm – so hatte ich das noch nie gesehen.
        Aber ja – es liegt nahe.
        Wobei bei mir Männer und Frauen Täter waren. Von daher könnte ich sie so oder so wahrnehmen. Vielleicht triggert mich meine Tochter auch deshalb hin und wieder. Weil sie mich an meine Oma erinnert…. – so bescheuert sich das auch anhört, wenn ich es gerade so schreibe. Aber meine Maus jammert auch mal ganz gern und gibt anderen die Schuld – nicht anders, als meine Oma.

        Da denke ich wohl mal drüber nach 🙂
        Danke ❤

        Gefällt 2 Personen

  3. aquasdemarco

    Mhh, besorge dir als erstes die Nummer ihrer Freundinnen mit den sie mitgehen könnte.
    Ein Anruf genügt dann oft.
    Du kannst für dich schaun, ob da nicht die Angst und Wut auf die Tochter, die Situation ein Stellvertreter Thema ist.
    Kinder reagieren manchmal als Spiegel, vielleicht, also wirklich nur möglicherweise ist ihr trödeln unterbewusst gewollt, weil sie dir damit etwas sagen möchte, was sie mit 6 verbal noch nicht kann.
    Zum Beispiel “ boah Mum du nervst manchmal“
    Drum trödelt sie halt, mit der Freundin ist es cooler😉
    Ab einen gewissen Alter tauch bei uns Eltern und Nichteltern Ein bissel Panik auf, meine Eltern nannten es früher Midlife Crisis.
    Ich kenne einige Mütter die übertriebene Ängste über ihre Kinder entwickelten.
    Es waren Stellvertreter Ängste, im Grunde hatten sie Angst um sich, Angst alt zu werden, Angst den Selbstwert zu verlieren, Angst vor Einsamkeit… .
    Du kannst ja mal rein fühlen und wenn die Wut kommt vermöbel ein Kissen.
    Oder geh Holz hacken.
    Wenn die Tränen kommen füll nen Eimer, wenn die Angst kommt schau in den Spiegel und lächel.
    Deiner Tochter mach keinen Vorwurf, schimpfen bewirkt das Gegenteil, aber sag ihr das du dir, weil du sie ja lieb hast, große Sorgen machst, die würde sie sich ja auch machen.
    Aber erzähle es aus deiner Sicht.
    Nicht nach den Motto du bist Schuld das ich…, sonder ich hatte Angst weil ich mir große Sorgen gemacht habe.

    Gefällt 1 Person

    1. Unglaublich leicht

      Vielen lieben Dank für deine Worte! Ich habe lange über die Situation nachgedacht und hineingefühlt. Mein Stellvertreterthema ist höchstwahrscheinlich die Machtlosigkeit und die Angst davor meine Wut in dem Moment rauszulassen – Konditionierung aus meiner Kindheit. Deine Tipps sind super, danke! Ich denke ich sollte einfach früh genug ansetzen mit dem Rauslassen und ich glaube da könnte ich auch ein Stückchen heilen, weil ich merke: okay, es passiert mir nichts Schlimmes wenn ich wütend bin.
      Die Handynummern habe ich zum Glück. Meine Tochter findet es mit ihren Freundinnen auf jeden Fall cooler 🙂 Das Miteinander und die Anerkennung ihrer Freundinnen sind ihr SEHR wichtig. Etwas was mir manchmal Sorgen macht, wo ich noch reinfinden, vertrauen und lernen darf. Ich kenne das von meiner Großen gar nicht, aber da hatte ich dann andere unbegründete Sorgen. Das sie keinen Anschluss hat/findet beispielsweise.

      Kontrolle und Festhalten ist weniger mein Thema glaube ich. Meine Große geht im Sommer ein halbes Jahr aufs Schiff arbeiten und zieht danach nach Wien. Natürlich werde ich sie vermissen. Ich war seit ich 18 bin, bis auf ein paar Klassenreisen beiderseits, nie ohne sie gewesen, aber ich freue mich so sehr, dass sie die Welt sieht, Erfahrungen macht und das tun kann was ihr Freude bringt.

      Ja, so ähnlich habe ich es mit ihr besprochen und es hat sich gut und richtig angefühlt 🙂

      Einen schönen Tag und danke nochmals für deinen hilfreichen Kommentar! Er hat mich auf jeden Fall weitergebracht.

      Gefällt mir

      1. aquasdemarco

        „setzen mit dem Rauslassen und ich glaube da könnte ich auch ein Stückchen heilen, weil ich merke: okay, es passiert mir nichts Schlimmes wenn ich wütend bin.“
        Wo bist du denn da krank?
        Es ist ja keine Krankheit, wenn man sauer ist und seine Gefühle nicht sofort ausdrücken kann.
        Sicherlich können dauerhaft unterdrückte Gefühle krank machen, körperlich und seelisch, aber ist das bei dir so?
        Kinder sind unterschiedlich und sie sind Eltern immer und hier meine ich tatsächlich immer ein Spiegel.
        „Kontrolle und Festhalten ist weniger mein Thema glaube ich. “
        Wenn man diesen Satz solo betrachtet, was kommt einem in denn Sinn?😀

        Gefällt 1 Person

      2. Unglaublich leicht

        Nachdem ich den Satz geschrieben habe, habe ich mir gedacht, dass das eben gerade darum doch ein Thema ist 😄

        Ich schäme mich für meine Wut und sie überrollt mich, eben weil ich sie auch als alten Selbstschutz nicht rauslasse. Das ist für mich grausam und da möchte ich gerne ansetzen 😊 Ansonsten habe ich mit dem Ausdrücken von Gefühlen zum Glück kein Problem. Das Kinder ein Spiegel sind, unterschreib ich sofort 😊

        Gefällt 1 Person

Hallo! Danke für deinen Beitrag! 🌟

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s