Der schwere Weg (Hermann Hesse)

Vorhin habe ich diesen wunderbaren Post gelesen. Ich bin gerade mittendrinnen im Umkrempeln, Herausfinden, Aussortieren und Loslossen… Es scheint manchmal schwer einen neuen Weg zu gehen. Fasten schreibt mir gerade das Leben vor (Magengrippe), zu warten will ich lernen, einen der für mich größten Denker will ich bemühen:

Häßlich, häßlich, diesen Weg zu gehen! Häßlich sich durch dies unfrohe Felsenstor zu quälen, über diesen kalten Bach zu schreiten, diese schmale schroffe Kluft im Finstern hinanzuklettern! „Der Weg sieht scheußlich auch“, sagte ich zögernd. In mir flatterte wie ein sterbendes Lichtlein die heftige, ungläubige, unvernünftige Hoffnung, wir könnten vielleicht wieder umkehren, der Führer möchte sich noch überreden lassen, es möchte uns dies alles erspart bleiben. Ja, warum eigentlich nicht? War es dort, von wo wir kamen, nicht tausendmal schöner?…

„Du frierst“, sagte der Führer, „es ist besser, wir gehen.“ Damit stand er auf, reckte sich einen Augenblick zu seiner ganzen Höhe aus und sah mich mit Lächeln an. Es war weder Spott noch Mitleid in dem Lächeln, weder Härte noch Schonung. Es war nichts darin als Verständnis, nichts als Wissen…

„Halt!“, rief ich so voller Angst,… „Halt“, rief ich, „ich kann nicht, ich bin noch nicht bereit.“…

„Wollen wir lieber umkehren?“ fragte er, und er hatte noch das letzte Wort nicht ausgesprochen, da wußte ich schon voller Widerwillen, daß ich „nein“ sagen würde, nein würde sagen müssen. Und zugleich rief alles Alte, Gewohnte, Liebe, Vertraute in mir verzweiflungsvoll: „Sag ja, sag ja“, und es hängte sich die ganze Welt und Heimat wie eine Kugel an meine Füße…

Und jetzt sah ich das Peinvollste, das mir begegnen konnte: ich sah die geliebten Täler und Ebenen unter einer weißen, entkräfteten Sonne fahl und lustlos liegen, die Farben klangen falsch und schrill zusammen, die Schatten waren rußig schwarz und ohne Zauber…

Ich schwieg und folgte traurig dem Führer nach. Er hatte ja recht, jetzt wie immer. Gut, wenn er wenigstens bei mir und sichtbar blieb, statt – wie so oft – im Augenblick einer Entscheidung plötzlich zu verschwinden und mich allein zu lassen – allein mit jener fremden Stimme in meiner Brust, in die er sich dann verwandelt hatte…

Naß und schmutzig kroch ich weiter, und als die feuchten Wände sich näher über uns zusammenklemmten, da fing der Führer sein altes Trostlied an zu singen. Mit seiner hellen, festen Jünglingsstimme sang er bei jedem Schritt im Takt die Worte: „Ich will , ich will, ich will!“…

Ich wußte, er wartete darauf, daß ich mit in seinen Singsang einstimmte…

O, wenn ich hätte umkehren können! Aber ich war, mit des Führers wunderbarer Hilfe, längst über Wände und Abstürze geklettert, über die es keinen, keinen Rückweg gab…

Und so stimmte ich trotzig und laut in den Sang des Führers ein, im gleichen Takt und Ton, aber ich sang nicht seine Worte mit, sondern immerzu: „Ich muß, ich muß, ich muß!“ Allein es war nicht leicht, so im Steigen zu singen…

…mit der Zeit bezwang er mich doch, daß auch ich seine Worte mitsang. Nun ging das Steigen besser, und ich mußte nicht mehr, sondern wollte in der Tat…

Da wurde es heller in mir, und wie es heller in mir wurde, wich auch der glatte Fels zurück, ward trockener, ward gütiger, half oft dem gleitenden Fuß…

Und unerwartet sah ich den Gipfel nahe über uns, steil und gleißend in durchglühter Sonnenluft….

Wenig unterhalb des Gipfels entkrochen wir dem engen Spalt, Sonne drang in meine geblendeten Augen, und als ich sie wieder öffnete, zitterten mir die Knie vor Beklemmung, denn ich sah mich frei und ohne Halt an den steilen Grat gestellt, ringsum unendlichen Himmelsraum und blaue bange Tiefe, nur der schmale Gipfel dünn wie eine Leiter vor uns ragend. Aber es war wieder Himmel und Sonne da, und so stiegen wir auch die letzte beklemmende Stelle empor, Fuß vor Fuß mir zusammengepressten Lippen und gefalteten Stirnen. Und standen oben, schmal auf durchglühtem Stein, in einer strengen, spöttisch dünnen Luft…

Stiller Traum einer kurzen Rast, hoch über der Welt: Sonne lohte, Fels glühte, Raum starrte streng. Vogel sang rauh. Sein rauhes Lied hieß: Ewigkeit, Ewigkeit! …

Schwer zu ertragen war sein Blick, schwer zu ertragen war sein Gesang, und furchtbar war vor allem die Einsamkeit und Leere dieses Ortes…

Es mußte etwas geschehen, sofort, augenblicklich…

Es tat mein Führer einen Sprung und Sturz ins Blaue, fiel in den zuckenden Himmel, flog davon. Jetzt war die Welle des Schicksals auf der Höhe, jetzt riß sie mein Herz davon, jetzt brach sie lautlos auseinander. Und ich fiel schon, ich stürzte, sprang, ich flog; kalte Luftwirbel geschnürt schoß ich selig und vor Qual der Wonne zuckend durchs Unendliche hinabwärts, an die Brust der Mutter.

(Auszüge aus „der schwere Weg“, Hermann Hesse, Die Erzählungen und Märchen, Suhrkamp Verlag, Erste Auflage 2009, Seite 1631-1635)

4 Gedanken zu „Der schwere Weg (Hermann Hesse)

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